Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um informiert zu bleiben.

Newsletter Overlay
Anrede
* Pflichtfelder
Policy

16.03.2022

Blogserie Bedeutungsstudie – Teil 6: Welche Bedeutung haben technische Handelshemmnisse für die Schweizer Pharmaindustrie?

Im internationalen Warenverkehr sind heute häufig nicht Zölle, sondern technische Vorschriften das grösste Handelshemmnis. Um weiterhin stabile Rahmenbedingungen für die exportorientierte Wirtschaft der Schweiz zu erhalten, sind geregelte Beziehungen mit unseren wichtigsten Handelspartnern absolut zentral.

Worum geht es?

Im internationalen Warenverkehr sind heute häufig nicht Zölle, sondern technische Vorschriften das grösste Handelshemmnis. Durch die gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen müssen Schweizer Unternehmen Produkte, die sowohl in der Schweiz als auch in der EU verkauft werden, nicht mehr doppelt zertifizieren lassen. Der Zugang zum europäischen Markt ist damit für Schweizer Unternehmen mit weniger Bürokratie- und Zeitaufwand verbunden. Doch auch umgekehrt wird der Zugang zum Schweizer Markt für europäische Unternehmen auf diesem Weg erleichtert. Doch es ist fraglich, ob die Konformitätsbewertungen im Pharmasegment weiterhin aktualisiert werden. Bei Medizintechnikprodukten kam es nach dem Scheitern der Verhandlungen zum Rahmenabkommen bereits im Mai 2021 zur Aufhebung der Aktualisierung der gegenseitigen Anerkennung. Damit sind auch weitere Handelserleichterungen für Medizinprodukte weggefallen.

Für die Pharmaindustrie sind insbesondere die Vereinbarungen zur «guten Herstellungspraxis» und zur «guten Laborpraxis» von Bedeutung. Damit verbunden ist die gegenseitige Anerkennung von Inspektionen und Dokumenten, was den administrativen Aufwand respektive die Kosten bei grenzüberschreitenden Herstellungsprozessen beziehungsweise den Bezug von Vorleistungen erheblich reduziert beziehungsweise erleichtert. Durch den tieferen finanziellen Aufwand und fallende administrative Hürden wird zusätzlicher Handel zwischen der Schweiz und der EU generiert auf die Schweiz und die profitierenden Branchen umgeleitet. Der intensivierte Austausch gewährleistet einen insgesamt reibungsloseren Zugang zum EU-Markt.

Intensive Handelsverflechtung zwischen der Schweiz und der EU

Auch wenn Absatzmärkte wie die USA und Asien in den letzten zwanzig Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen haben, ist die EU immer noch der wichtigste Handelspartner für die Schweizer Pharmaunternehmen. Im Jahr 2020 betrug das Volumen der pharmazeutischen Ausfuhren in die EU 47.9 Milliarden Schweizer Franken. Das entspricht rund 46% der gesamten Pharmaexporte. Noch wichtiger ist die Rolle der EU bei den Importen von pharmazeutischen Produkten. Hier lag der Anteil der EU an den Gesamtimporten 2020 bei über 70%. Aber auch für die EU ist die Schweiz ein wichtiger Partner, denn rund 35% der pharmazeutischen Einfuhren in die EU kommen aus der Schweiz. Hinzu kommt, dass internationale Zulieferungs- und Produktionsketten heute fester Bestandteil bei der Forschung, Entwicklung und Herstellung von Medikamenten sind. Ein bedeutender Teil der Pharmaimporte aus der EU wird beispielsweise in der Schweiz weiterverarbeitet. Auch unternehmensintern werden Inhaltsstoffe von Medikamenten im Rahmen des Produktionsprozesses häufig mehrmals zwischen verschiedenen Produktionsstätten hin und her geschickt. Da viele in der Schweiz tätigen Pharmaunternehmen über ausländische Standorte in der EU verfügen, ist es somit sehr wichtig, dass diese internationale Produktionsketten möglichst reibungslos funktionieren.

In Anbetracht der Rolle der EU als wichtigster Handelspartner und der heutigen intensiven internationalen Produktionsketten wird die hohe Relevanz des Abkommens zum Abbau der technischen Handelshemmnisse (MRA) sowohl für die Schweiz als auch für die EU offensichtlich. Die erhöhten Handelsbarrieren und die Entkoppelung von Produktionsprozessen lassen einen insgesamt weniger dynamischen Handel mit den EU-Ländern erwarten.

Anteile der nominalen Exporte einer Branche an den Gesamtexporten
Quelle: EZV, BAK Economics

Was droht bei einer Erosion der gegenseitigen Anerkennung?

Ohne das Abkommen zu den technischen Handelshemmnissen beziehungsweise bei ausbleibenden Aktualisierungen würden Schweizer Pharmaunternehmen signifikante jährliche Mehrkosten aufgrund von doppelten Zertifizierungen und Inspektionen tragen müssen. Die Kosten dafür werden auf 0.5 bis 1% des betroffenen Produktwertes geschätzt. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit wird aber auch durch erhöhte Kosten beim Vorleistungsbezug reduziert, da es bei Vorleistungsproduzenten aus der EU und der Schweiz ebenfalls zu verstärkten Redundanzen und Ineffizienzen kommt. Zudem würde es Verzögerungen bei der Markteinführung neuer Produkte in der EU geben.

Hinzu kommt ein Verlust an Standortattraktivität für Investoren aus dem In- und Ausland. Wenn Exporteure in beiden Regionen wieder einen «Authorised Representative» registrieren müssen, entstehen Zusatzkosten. Bei einigen Schweizer Unternehmen wie beispielsweise bei Start-Ups und KMUs dürften diese signifikant sein. Für ein Unternehmen aus einem Drittstaat (z.B. der USA), das eine Niederlassung in der EU gründen möchte, verliert die Schweiz deutlich an Standortattraktivität, wenn eine Niederlassung in der Schweiz nicht mehr genügt, um in die ganze EU exportieren zu können. Durch solche Effekte könnte es zu Verlagerungen von bestehenden Pharmaunternehmen und zu einer Abnahme von Niederlassungen von neuen Unternehmen in der Schweiz kommen. Diese negativen Effekte würden nicht auf einen Schlag eintreten, aber nach und nach das Wachstum des Pharmastandorts Schweiz bremsen.

Zusätzlich würde auch die Versorgungssicherheit leiden. Wenn der reibungslose Warenverkehr nicht mehr gewährleistet werden kann, könnten bei gewissen Medikamenten Versorgungsengpässe entstehen mit entsprechend negativen Folgen für die Patientinnen und Patienten.

Ein exportorientiertes Land wie die Schweiz ist auf funktionierende Handelsbeziehungen angewiesen. Geregelte und stabile Handelsbeziehungen mit der EU sind deshalb für die pharmazeutische Industrie von essenzieller Bedeutung. Die forschende pharmazeutische Industrie verfolgt eine konsequente Spezialisierungs- und Innovationsstrategie, die von den Unternehmen anhaltend hohe Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen verlangt. Solche langfristigen Investitionen lassen sich nur in einem Umfeld mit weltweit diskriminierungsfreiem Marktzugang und starkem und durchsetzbarem Schutz der Rechte am geistigen Eigentum wirtschaftlich rechtfertigen. Zentral sind dafür eine funktionierende internationale Handelsordnung im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) sowie der Ausbau des Netzes von Freihandelsabkommen mit klaren Prioritäten.

Dieser Beitrag ist Teil einer mehrteiligen Blogserie über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Pharmaindustrie für die Schweizer Wirtschaft. Erfahren Sie mehr dazu in der Studie von BAK Economics.

Diese Site ist auf wpml.org als Entwicklungs-Site registriert. Wechseln Sie zu einer Produktionssite mit dem Schlüssel remove this banner.